Hochbegabung – erste Gedanken

Noch ein Artikel über Hochbegabung? Gibt es davon nicht schon genug?

Ja. Und nein. Es gibt Fachbücher, Elternratgeber, Webseiten mit Informationen und unzählige Zeitungsartikel über hochbegabte Wunderkinder. Eigentlich ist damit doch alles gesagt. Oder nicht?

Nein. Nichts ist damit gesagt. Denn je nachdem, wo Du Dich informierst, bekommst Du einen anderen Ausschnitt präsentiert. Und wenn Du Dich dann auch noch mit anderen Menschen unterhältst, ist die Verwirrung oft groß. Oder Du wirst nicht ernst genommen, weil Deine Vorstellung von Hochbegabung und die Deines Gegenübers sich fundamental unterscheiden.

Nicht selten führt das zu Frust auf beiden Seiten, zu Unverständnis und es entstehen Gräben, wo wir eigentlich Brücken bauen wollten. Ein Gespräch über Hochbegabung ist deshalb für mich immer ein achtsamer Dialog, in dem die Perspektiven aller Seiten wertgeschätzt werden müssen.

Doch warum gibt es so viele verschiedene Perspektiven und warum hat jede von ihnen – auch aus wissenschaftlicher Sicht – eine Berechtigung? Oder sind sich die Wissenschaftler doch einig und die Populär-Literatur kocht ihr eigenes Süppchen? Was hat es mit der Verbindung zu Hochsensibilität auf sich? Gibt es überhaupt eine Verbindung?

Für mich in der Praxis hat sich das niederländische Delphimodell der Hochbegabung als Ausgangspunkt bewährt. Fast alle Perspektiven lassen sich damit erklären.

Ausgangspunkt ist die Hochbegabte, die in besonderem Maße autonom ist, unabhängig, schnell und komplex denkt, aber auch über ein reiches Innenleben, hohes Einfühlungsvermögen und starke Emotionen verfügt.

All das ist nur möglich, weil sie auf eine unfassbar schnelle und intensive Weise ihre Umwelt wahrnimmt. Kleinste Details, feine Gerüche, für andere unhörbare Geräusche nimmt sie unbewusst „im Vorbeigehen“ auf.

In Kombination mit einer unbändigen Neugierde, einer hohen Motivation und dem Bedürfnis, immer wieder neue Herausforderungen anzunehmen und gerne unkonventionell zu lösen, entsteht für sie selbst der vielzitierte „Flow“.

Erst wenn daraus eine messbare Leistung, eine kreative Handlung, ein greifbares Produkt entsteht, ist die Hochbegabung für ihre Umgebung wahrnehmbar.

So wie eben beispielsweise in den Medien mit Berichten über sogenannte Wunderkinder. Daraus resultiert die Vorstellung, Hochbegabte könne man durch ihre Leistung identifizieren. Vielmehr noch – Hochbegabung sei untrennbar mit einer hohen für außenstehende sichtbaren Leistung verbunden. Klar – hochbegabt sind aus dieser Perspektive also diejenigen Schüler, die in der Schule mit Leichtigkeit hervorragende Noten schreiben, aber auch diejenigen, die spielend mehrere Sprachen sprechen oder schon früh eine Expertise in einem speziellen Interessengebiet entwickeln. Klassiker sind hier Astronomie, Paläontologie, aber auch Straßenplanung oder Elektrotechnik und Informatik kommen vielen dabei in den Sinn. Gemeinsam ist diesen Leistungen der kognitive Bezug. Es handelt sich also mehrheitlich um Stärken im logischen Denken oder der Fähigkeit, große Mengen an Wissen aufzunehmen, zu behalten und strukturiert wiederzugeben.

Verständlich, dass Modelle wie Howard Gardners Multiple Intelligenzen oder der von Gerald Hüther geprägte Slogan „jedes Kind ist hoch begabt“ bei vielen Menschen auf Resonanz stoßen und diese rein kognitive Definition von Hochbegabung in Frage gestellt wird. Sollte man nicht auch einen talentierten Fußballer oder einen außergewöhnlich sprachakrobatischen Rapper als hochbegabt bezeichnen?

Und wer entscheidet eigentlich, ob eine Leistung außergewöhnlich ist? Ist ein Maler abstrakter Kunst, die den meisten Menschen nichts sagt, hochbegabt, wenn renommierte Kunstkritiker diesen hervorheben? Ein Graffiti-Künstler, der in der Berliner Straßenszene großes Ansehen genießt?

Alle drei Perspektiven haben ihre Berechtigung, wenn man berücksichtigt, dass hier nur das „Endprodukt“ der Begabung betrachtet wird, nur ein minimal kleiner beobachtbarer Ausschnitt. Über die Verarbeitungsprozesse, die Intensität des Innenlebens, die Gedankenvielfalt erfährt man wenig.

Letztlich setzt eine Intelligenzdiagnostik ebenfalls genau an diesem Punkt an, mit dem Unterschied, dass „außergewöhnlich“ psychometrisch messbar wird. Quantifizierbar, mathematisch präzise. Dennoch ein Ergebnis des oben beschriebenen inneren Prozesses und bei den meisten Tests reduziert auf kognitive Prozesse.

Idealerweise sollte eine hohe Intelligenz auch hohe kognitive Leistungen vorhersagen, zumal die ersten Intelligenztests genau mit diesem Zweck konstruiert wurden.

Paradoxerweise ist dies aber nicht immer der Fall. Nicht alle hochintelligenten Menschen sind erfolgreich und ein hoher IQ spiegelt sich nicht immer in guten Schulleistungen wieder. Aber was heißt das? Sind Intelligenztests stark fehlerbehaftet und unzuverlässig? Ist ihre Aussagekraft gar nicht so hoch, wie man sie ihnen zuschreibt?

Tatsächlich sind Intelligenztests – mehr als zunächst vermutet – in der Lage, das Gesamtbild eines Hochbegabten zu erfassen. Ist die erste einzige Gemeinsamkeit bspw. auf Stammtischen bei Mensa, Uniqate oder der DGhK ein IQ über einer gewissen – fast willkürlich gezogenen – Grenze, stellt man doch schnell fest, dass Autonomie, Komplexität im Denken, Intensität in der Wahrnehmung, eine gewisse Neugierde und Unkonventionalität für die meisten Beteiligten eine große Rolle spielen. Es entstehen in der Regel lebhafte Diskussionen, wie sie viele Beteiligte aus ihrem Alltag in dieser Form nicht kennen.

Diese Diskrepanz führt allerdings dazu, dass viele Hochbegabte nichts von ihrer Eigenart wissen, sich nur „eigenartig“ fühlen. Im Kindergarten, in der Schule, auch später im Berufsleben wird die Vermutung einer Hochbegabung hauptsächlich aufgrund von außergewöhnlichen Leistungen gestellt. Einem altersmäßigen Voraussein, offensichtlich „klugem“ Verhalten.

Dass untypische Verhaltensweisen, eine hohe Empfindlichkeit – physisch wie psychisch – , manchmal Rastlosigkeit, schnelles Sprechen, fehlende gleichaltrige Freunde, Sprunghaftigkeit, wahrgenommene Schüchternheit, Schwierigkeiten in der Entscheidungsfindung aber auch manche psychiatrischen Störungsbilder ihre Ursache „nur“ in einer nicht erkannten und gelebten Hochbegabung haben, wissen viele Betroffene über Jahre nicht. Und selbst wenn sie – oft per Zufall – während einer anderen Diagnostik von ihrer Hochbegabung erfahren, dauert es häufig noch einige Zeit, bis sie die Verbindung zu ihren Symptomen sehen, weil das Thema weder in der Medizin noch in der Psychologie flächendeckend bekannt ist.

In der Beratung und im Coaching setze ich daher genau hier an und schaue gemeinsam mit meinen Coachees, was sie gerade jetzt in diesem Moment benötigen, aber auch, welche Themen im Laufe ihres Lebens immer wiederkehren. Die angewandten Methoden sind dabei zweitrangig, im Vordergrund stehen der gegenseitige Respekt und die Erkenntnis auf beiden Seiten, dass es manchmal Wege jenseits der Literatur oder standardisierter Verfahren braucht, um Knoten zu lösen, Glaubenssätze über Bord zu werfen oder tiefe Verletzungen zu heilen.

Und manchmal führt sogar ein einziges einfaches Gespräch zum Erkennen.

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